Tagebuch

Tagebuch von Eva-Maria von Beelitz, von Jägern bei ihrer Leiche gefunden.

1715 – 1723: Der erste Teil des Tagebuchs befasst sich vorwiegend mit dem Alltagsleben am Hofe des Grafen von Beelitz. Der Text ist geprägt von Belanglosigkeiten und dekadenten Allüren einer jungen Adeligen. Die junge Frau scheint ihren Vater um den Finger gewickelt zu haben, während sie eine angespannte Beziehung zu ihrer Mutter pflegt.

Später folgen manche interessante Einträge:

05. Juni 1718

Der Bau des Schlosses und der Stadt verschlingen immer mehr Gelder. Vater brütet fast täglich mit seinen Ministerialen und Höflingen über Büchern, um Wege zu finden, mehr Geld zu machen. Schon jetzt pressen sie es der Bevölkerung ab, insbesondere den Kaufleuten und Bürgern, und ich befürchte, dass sie damit den Niedergang des Landeseinleiten. Aber auf mich, die unbedeutende Tochter des Hauses, möchte niemand hören. Vater ist wie besessen ein zweites Versailles zu errichten und Mutter ist verbitterter dennje.

Als Asmodäus im Jahr 1640 den Schwarzwald unter seine dreckigen Nägel riss, verlor die Familie meiner Mutter, die Baden-Durlachs, gut ein Viertel ihres Besitzes. Als Jahrzehnte später die Werwölfe die Städte am Neckar eroberten und der Nekromant Albertus der Stauffer große Teile der Schwäbischen Alb mit seinen untoten Horden überrannte, ging fast die Hälfte ihres württembergischen Besitzes verloren. Mutter wünscht, dass sich Vater für Württemberg stark macht, doch er hat nur sein Schloss im Kopf. Er baut und baut. Doch zu welchem Preis? Wir sehen ihn jedenfalls kaum noch.

24. Dezember 1722

Heute ist das schlimmste Weihnachtsfest meines Lebens. Vater und Mutter stritten den ganzen Tag. Mutter warf ihm vor, sein Geld aus dem Fenster zu werfen. Er beschuldigte sie, nichts zur Mehrung des Familienvermögens beizutragen. Vater hat festgestellt, dass beträchtliche Summen seiner Einkünfte abgezweigt werden. Wer tut so etwas? Ich habe umsonst unsere Gemächer geschmückt. Sollen die beiden zum Teufel gehen!

27. Dezember 1722

Ich will das nicht glauben! Mutter zweigt Geld ab und vermittelt es einem Bankier aus Karlsruhe, der im Dienst des Badischen Racheschwurs steht. Welchen Nutzen haben diese Zahlungen? Warum geht es auch Mutter nur um Geld? Ich kann ihre Sprüche von Nächstenliebe und einer heilen Familie nicht mehr ertragen.

10. Januar 1723

Ist es mir gelungen, meine Eltern aufzurütteln? So kann es nicht weitergehen – er muss aufhören zu sparen und sie ihn zu betrügen. Verflucht sei sein Schloss und ihr Stolz! Als er und seine Höflinge heute eine Pause einlegten, schlich ich in den Tagungssaal und platzierte einige Dokumente, sodass diese gleich ins Auge fallen. Es sind die Zahlungen, die Mutter monatlich an den Bankier in Karlsruhe überweist.

11. Januar 1723

Meine Plan ist nicht aufgegangen. Vater ist zwar vor Wut geplatzt und hat ihr den Geldhahn zugedreht, nachgedacht hat er aber nicht. Meine Eltern sprechen kein Wort mehr miteinander. Es ist still in meinen Gemächern. Ich halte das bald nicht mehr aus!

16. Januar 1723

Weiß Mutter, dass ich die Papiere platziert habe? Sie würdigt mich keines Blickes mehr und kümmert sich nur noch um meinen Bruder. Sie will, dass ich Nonne werde und bald in ein Kloster verschwinde. Das ist nicht fair!

17. Januar 1723

Heute habe ich Evelyn, meiner Zofe, das Herz ausgeschüttet. Es tat gut zu sprechen. Sie glaubt auch, dass ein Leben als Nonne nicht das richtige für mich wäre.

24. Januar 1723

Auch Vater will mich hier nicht mehr haben. „Ein Leben als Nonne ist etwas wunderbares, mein Kind“, sagt er. Ich habe den ganzen Tag geschrien. Ende Januar schicken sie mich nach Tübingen zu irgendeiner Schwesternschaft. Wieso? Tübingen liegt in Grauwarthe! Dem Land der Werwölfe. Ich hasse meine Eltern. Wenigstens begleitet mich Evelyn.

27. Januar 1723

Heute habe ich unter einem Pavillon auf der Baustelle ein geheimes Labor entdeckt. Mutter war gerade dabei eine scheußliche Mixtur anzurühren. Ihrer Aussage nach Gifte zur Bekämpfung der Höllenkreaturen. Sagt sie! Ich möchte nur noch fort.

28. Januar 1723

Ich befinde mich in einer Kutsche nach Süden. Meine Eltern behaupten, ich wäre eine Hexe! Mutter hat Vater erzählt, ihre Gift labore wären von mir. Und er hat es geglaubt. Warum? Was habe ich ihm getan? Wohin es geht, weiß ich nicht. Jedenfalls haben sie mich verbannt!

Ich habe große Angst zu sterben. Wohin fahren sie mich? Wird man mir wehtun? Ins Kloster fahren wir jedenfalls nicht. Nur Evelyn hält zu mir. Sie sagt, sie kenne eine Möglichkeit zu fliehen. Und vielleicht sogar einen Ort, an dem ich bleiben könne. Ob sie recht behält? Ich bete dafür.

Fast drei Jahre lang gibt es keine Einträge. Später folgen weitere:

30. Dezember 1725

Evelyns Besuch war von kurzer Dauer. Doch freue ich mich, sie ein letztes Mal zu sehen, bevor der Herr sich ihrer annimmt. Seltsamerweise bin ich gerade jetzt zufrieden. Mit ihrem Tod wird sich alles verändern, was mich in den letzten Jahren plagte.

31. Dezember 1725

Wir erreichten gerade rechtzeitig die Wüstung zu Rönbach. Ich durfte ihr, Imago, beim Sterben zusehen. Sie war um Jahre gealtert und von Beelzebubs Krankheitengezeichnet. Die Wunden, die ihr die Jäger beigebracht hatten, hatten sich erneutgeöffnet. Sie sprach lange und offenbarte mir viele Geheimnisse. Ich erhielt ihr altes Grimoire, das zahlreiche nützliche Zauber enthält. Als ihre Seele ihren Körper verließ, übergab ich ihre leblose Hülle dem Immerhungrigen tief unter den Gewölben. Ich nahm das Amulett des Herrn der Fliegen an mich. Imago muss weiterleben!

07. Oktober 1729

Geduld! Geduld! Der Tag der Rache ist nah, während meine Familie sich in Sicherheit wiegt. Meine Visionen sind eindeutig: Die Zeit der Abrechnung kommt. Vor etwa 15 Jahren segnete Beelzebub eine Gruppe von loyalen Anhängern. Sie erhielten eine Fliege, die Aufgabe den Immerhungrugen zu sättigen und ein Tor in die Domäne des Herrn zu reißen. Doch der Ritus schlug fehl und die Fliegen zerstreuten sich. Bald werden sie erneut Richtung Wüstung streben. Es ist viel vorzubereiten. Wir müssen ihnen einen würdigen Empfang bereiten.

14. Februar 1733

Der Weg ist bereitet. Die Wüstung strotzt vor Macht. Es ist es an der Zeit, den Besudelten zu kontaktieren. Lange hat er sich unter den Sterblichen versteckt und dem Kult der Fliegen zu wahrer Größe verholfen. Ich sende ihm seine Fliege, versteckt zwischen belanglosen Dokumenten. Dass gerade die Grenzjäger Markovias die Nachricht überbringen werden, verschafft mir ein besonderes Gefühl des Triumphes. Bald schon werde ich nach Beelitz zurückkehren. Die Rache wird mein sein!

23. Juli 1733

Etwas ist schief gegangen. Die Fliege hat den Besudelten nicht erreicht. Ich werde nach Magdeburg reisen, denn dort sollen Jäger aufgetaucht sein, die unsere Pläne durchkreuzten. Schon lange arbeiten wir daran, die Stadt mit einer neuen Seuche zu infizieren!

Ich muss Christoph Kaspar Stäudlin treffen. Heute nennt er sich Alexander Pantalon und versucht, für seine Untaten in Stuttgart Buße zu tun. Buße! Was für ein Witz. Er soll Zeuge sein, wie die Macht Beelzebubs Magdeburg und die Jäger verschlingt!

Angeblich soll der alte Dessauer sich auch in Magdeburg aufhalten. Er wäre ein armseliges Seuchenopfer, aber eine vorzügliche Gabe für Immerhungrigen.

27. August 1733

Magdeburg war ein Fiasko. Fast hätten die Jäger mich enttarnt. Doch der Plan Beelzebubs lässt sich nicht aufhalten. Die Jäger wissen nicht, wohin ich gehe.

12. September 1733

Beelzebub sei gelobt: Die Wüstung ist unentdeckt! Der Besudelte hat sich seine Fliege auf anderem Weg verschafft. Zwei Jäger weniger. Ein gutes Ergebnis. Er wird auf mich warten. Er weiß, dass ich nach Beelitz gehen muss, um abzurechnen.

14. September 1733

Endlich zurück in Beelitz. Alle Weichen sind gestellt. Zuerst meine Familie, dann das Ritual. Wie eine Furie werde ich über den Herzog und seinen Hofstaat kommen, und wie ein Orkan werde ich sein Schloss zertrümmern. Aber vor allem wird Mutter leiden. Und alle Anhänger des Racheschwurs.

Ich habe im Grimoire von einem alten Feind des Racheschwurs erfahren, dem Hofnarren des Teufels – eine Kreatur, geboren aus Wahnsinn und Chaos. Er stellt mit seinen Schalken allen nach, die aus den Badischen Landen flohen, als Asmodäus den Schwarzwald an sich riss. Das Ritual zur Beschwörung des Hofnarren ist äußerst komplex; ich werde meine Kräfte gut einteilen müssen.

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